7. bis 10. März 2024

2023

15. Nonfiktionale: AUF DÜNNEM EIS

Wer sich auf dünnes Eis begibt, geht ein Risiko ein, kann einbrechen. Der dokumentarische Zugang basiert in der Regel auf einer empathischen, tragfähigen Beziehung zu den dargestellten Personen, auch wenn kritische Positionen und Themen verhandelt werden.

Manche Werke jedoch lassen sich in der Beziehung zu ihren Protagonist*innen oder zum Publikum bewusst auf ein Wagnis ein. Sie begeben sich in ein Spannungsfeld von Sympathie und Antipathie, bis hin zur Konfrontation oder sogar zum Scheitern. Ein Mörder als Identifikationsfigur? Radikales Gedankengut ungefiltert in die Kamera gesprochen? Wie mit Weltbildern umgehen, die diametral zu den eigenen stehen, die eine Neuperspektivierung bis an die Grenzen der eigenen Toleranz strapazieren? Welche filmische Form ist angemessen?

Unter unserem aktuellen Motto „Auf dünnem Eis“ zeigen wir Dokumentarfilme, die solche Wagnisse eingehen, indem sie uns mit brüchigen, problematischen oder zumindest ambivalenten Beziehungen konfrontieren.

 


 

Filmprogramm 2023

Die Filme 2023 nach Titeln

Die Filme 2023 nach Spieltagen

 


 

Preisträgerfilme 2023

Im Rahmen der Preisverleihung 2023 vergab unsere Jury, bestehend aus Beatrice Babin, Christine Moderbacher und Maximillian Plettau folgende Preise:

Nonfiktionale-Preis der Stadt Bad Aibling

Auf Grund der hohen Qualität der ausgewählten Filme hat die Jury entschieden, den diesjährigen Nonfiktionalepreis der Stadt Bad Aibling auf zwei Filme aufzuteilen. Beide Filme zeichnen sich durch ihren Mut in Hinblick auf das Motto „Auf dünnem Eis“ aus.

Ours
von Morgane Fund


Begründung der Jury:

Eine Studentin aus Luzern wird durch Zufall mit verstörenden, voyeuristischen Bildern konfrontiert und versucht mit ihrem eigenen Unbehagen umzugehen. Die Regisseurin nutzt die Macht der Bilder für den Dialog über die Gewalt des männlichen Blicks und schafft es damit Machtpositionen umzudrehen. Mit ihren Reflexionen ermöglicht sie den Zuschauer*innen am Prozess des Filmeschaffens teilzuhaben und einen Zugang zu ihrer Sichtweise zu gewinnen.
 

Nach Wriezen
von Daniel Abma


Begründung der Jury:

Drei jugendliche Straftäter werden aus der JVA Wriezen entlassen. Der Filmtitel kündigt die Zeit der Resozialisierung und die ständige Drohung einer Rückkehr an. Der Film zeichnet sich durch die besondere Beziehung zwischen dem Regisseur und den Protagonist*innen aus. Nähe und Distanz werden zugelassen ohne zu werten. Mit seinen Fragen trifft Daniel Abma den richtigen Ton, der sowohl seine Haltung als auch die Sensibilität gegenüber dem Thema und den Protagonist*innen verdeutlicht.

 

Dedo-Weigert-Film-Kamerapreis

Der von Dedo-Weigert-Film gestiftete Sachpreis in Form einer Fellonie-LED-Flächenleuchte, samt Zubehör ging an Georg Nonnenmacher.

Lobende Erwähnungen

Zwei Filme wurden mit einer lobenden Erwähnung gewürdigt:

Lucica und ihre Kinder

von Bettina Braun für die Ehrlichkeit und deren Sichtbarmachung im Umgang mit der Protagonistin. Dies unterstützt den Fokus der Geschichte, der auf der Mutter mit ihren Kindern liegt.

Kühe auf dem Dach

von Aldo Gugolz. Die Stimmung auf der schweizerischen Alp wird von Susanne Schüle durch ihre beeindruckende Bildgestaltung in den Kinosaal transportiert. Der präzise Kamerablick führt uns entlang der Bruchlinien und Unebenheiten von den Lebensgeschichten.

 

Bürgerpreis

Der mit 500 Euro dotierte Bürgerpreis wurde von der Schülerjury betehend aus Johanna Berns, Isabelle Plessmann und Markus Rosendorfer verliehen. Er ging an den Film

Alias
von Jens Junker


Begründung der Jury:

Eine scheinbar heile Familie, doch die Fassade bröckelt nach und nach. Als Publikum wird man mitgenommen auf eine emotionale Reise, bei der man Jens Junker wahnsinnig nahekommt. Der Regisseur und Protagonist hält mit seinen Gefühlen nicht hinter dem Berg und lädt das, was vor der Kamera passiert, im Kommentar auf berührende Weise auf. Der Film lebt von Kontrasten auf mehreren Ebenen: bei den Orten, im Hinblick auf die Herzlichkeit der Gegenüber und zwischen den Super-8-Aufnahmen von früher und der Realität der schwierigen Familienverhältnisse heute. Trotz des brüchigen Eises des Themas strahlt „Alias“ nicht zuletzt auch durch seinen Humor immer wieder auch Wärme und Hoffnung aus.

Wir gratulieren den Preisträgerinnen und Preisträgern ganz herzlich!!

 

Und ein riesiger Dank an unsere Partner und Förderer!

 


 

Jury 2023

Beatrice Babin

ist Filmeditorin und Dramaturgin für Spiel- und Dokumentarfilme. Studium der Philosophie und Filmwissenschaften. Längere Aufenthalte in den 80ern in New York und in den 90ern in Afrika stillten ihre Neugierde auf das Andere und die Anderen. Mit dem neuen Jahrtausend haben sich die Reisen dann in die Welt der Montage verlagert. Seit 2019 ist sie Professorin am Lehrstuhl Montage der HFF München. Sie ist nicht nur Mitglied der Deutschen Filmakademie und des BFS, sondern auch des feministischen VJ-Kollektivs Trial and Theresa.

Christine Moderbacher

geboren in Wien, ist Sozial- und Kulturanthropologin und Dokumentarfilmemacherin. Sie arbeitet vor allem an der Schnittstelle zwischen Kunst und Anthropologie und den oft ähnlichen Methoden und Erzählformen beider Disziplinen. Seit 2019 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut in Halle sowie Lehrbeauftragte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ist sie als Kuratorin für Filmfestivals und Filmreihen tätig. Ihre Dokumentarfilme wurden auf zahlreichen internationalen Filmfestivals gezeigt.  

Maximilian Plettau

geboren in Freiburg, arbeitete zunächst als Beleuchter bei Spielfilmen, bevor er 1999 sein Studium an der HFF München begann. 2007 schloss er mit seinem Abschlussfilm Comeback ab, für den er u.a. den Deutschen Kamerapreis und eine lobende Erwähnung auf der Nonfiktionale 2018 erhielt. Ebenfalls im Jahr 2007 gründete er die Firma Nominal Film, die er seit 2009 als Inhaber führt. Seitdem sind zahlreiche preisgekrönte Dokumentar- und Spielfilme entstanden. Plettau ist Mitglied der Deutschen Filmakademie.

  


 

Nonfiktionale meets Bergwerk 2023

Acht Fotografinnen und Fotografen wie auch Filmschaffende haben uns ein Bild geschickt, das für sie ganz persönlich unser Motto zum Ausdruck bringt. Fotografisch festgehaltene Momente, in denen die Stimmung schlagartig kippt und die eigene Position keine rein beobachtende mehr ist, sondern man voll involviert ist. Oder Aufnahmen, in denen die Fotografierenden Zeugen werden, wie jemand anders sich auf dünnes Eis begibt. All diese Bilder fügten sich zu einem Mosaik und bereicherten unser Festival auf ihre ganz eigene Weise.

Mit  Fotografien von:

SAMUEL GROTMANN
JENNIFER GÜNTHER
HANS ALBRECHT LUSZNAT
LILLI PONGRATZ
BORIS TOMSCHICZEK
PHILIPP THURMAIER
ROBERT PUPETER
SVEN ZELLNER

 

  


 

Carte Blanche 2023

der letzte Programmplatz unseres Festivals wird mit einem Film bespielt, der von einem befreundeten Filmfestival ausgewählt und moderiert wird. 2023 hatten wir DOK Leipzig mit dem Film Drei Frauen von Maksym Melnyk in Bad Aibling zu Gast:

DOK Leipzig ist das weltweit älteste Festival für Dokumentar-und Animationsfilm und in dieser Verbindung einzigartig. Während der Festivalwoche im Herbst sind bis zu 200 künstlerisch herausragende, gesellschaftlich relevante Filme und Extended-Reality-Arbeiten in Leipzig zu sehen. Das Festival macht es sich zur Aufgabe, diese Filme einem möglichst breiten Publikum zu präsentieren und so zu einem Austausch über Kunst und Welt beizutragen, der zu Perspektivwechseln oder Konfliktlösungen anregt.DOK Leipzig ist zugleich Publikumsfestival und Deutschlands wichtigster Treffpunkt der internationalen Dokumentarfilmbranche. DOK Industry bietet jährlich rund 1.600 Fachbesucher*innen einen Marktplatz für Filmprojekte sowie Gelegenheiten zum Netzwerken in produktiver Atmosphäre.DOK Leipzig ist vor allem ein Ort für Austausch und Debatten. Das Programm und die Organisation des Festivals sind von den Werten Frieden, Menschenwürde, Teilhabe und Vielfalt geprägt.