16. bis 19. März 2023

2021

13. Nonfiktionale: WORT FÜR WORT

Film fängt da an, wo Sprache aufhört. Und so ist auch der Dokumentarfilm zunächst ein erzählendes Medium des bewegten Bildes. Die Mittel des Erzählens wiederum sind überaus vielgestaltig. In der Regel kommt hier die Sprache wieder ins Spiel, in Gesprächen mit den Protagonisten, in beobachteten Dialogen oder in Kommentaren. Zuweilen rückt dabei das gesprochene Wort bzw. der Text in den Mittelpunkt und wird zum tragenden dramaturgischen Element.

Mit dem aktuellen Motto Wort für Wort widmen wir uns in der 13. Festivalausgabe Dokumentarfilmen, die sich in der Dialektik von Bild und Wort auf die Seite der Sprache, des Textes, des Gesprochenen schlagen und ihre Dramaturgie darauf aufsetzen. Die Spannbreite reicht von filmischen Brückenschlägen zur Literatur, über den vom Erzählerkommentar getragenen Essayfilm bis hin zu Gesprächsfilmen, die sich voll und ganz dem Dialog verschrieben haben.

Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Filmerzählung? Welche Gestaltungsmöglichkeiten gibt es, um das Gesprochene ins Bild zu setzen? Wie wird ein literarischer Text zu einem genuin filmischen? Welche Qualitäten braucht ein Text oder ein Dialog, um einen Film zu tragen? Welche Anforderungen stellt dies an die Montage? Das Feld ist weit und spannend.

 

Filmprogramm 2021

Wegen der Corona-Pandemie wurde das für 2020 geplante Programm im Sommer 2021 gespielt. Da wir das Festival nur unter bestimmten Auflagen und mit begrenzter Kinoauslastung in Präsenz anbieten konnten, wurden die meisten Filme während des Festivals auch online zum streamen angeboten.

Für die Zuschauerinnen und Zuschauer, die unseren Fimgesprächen nicht vor Ort beiwohnen konnten, hatten wir im Vorfeld Gespräche mit den Filmschaffenden aufgezeichnet. Diese können immer noch unter der Detailansicht einiger Filme abgerufen werden: 

Die Filme 2021 nach Titeln

Die Filme 2021 nach Spieltagen

 

Guckkasten-Kino

eine Installation von Jan Peters

Für die ursprünglich im Bergwerk geplante Installation „30 Jahre, aber den Sinn des Lebens habe ich immer noch nicht herausgefunden“ haben sich Jan Peters und Philipp Thurmaier etwas ganz Besonderes einfallen lassen: ein Guckkasten-Kino - bei dem man sich bei Zuschauen und Zuhören jederzeit einklinken wie auch ausklinken kann.

Bad Aibling
Ecke Bahnhofstraße / Sedanstraße
22. – 25.07.2021
10 – 22 Uhr

Eintritt frei

 

Preisträgerfilme 2021

Im Rahmen der Preisverleihung 2021 vergab unsere Jury, bestehend aus Judith Funke, Vadim Jendreyko und Ulrike Tortora, folgende Preise:

Nonfiktionale-Preis der Stadt Bad Aibling

Den mit 2.000,- Euro dotierten Nonfiktionale-Preis der Stadt Bad Aibling erhielt Bernhard Braunstein für seinen Film ATELIER DE CONVERSATION.

Begründung der Jury:

Wort für Wort und Bild für Bild entfaltet sich ein fast utopisch anmutendes Szenario: Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten treffen aufeinander und treten miteinander ins Gespräch. Das Ganze geschieht in einem geschützten Raum im Herzen des Centre Pompidou in Paris. Draußen: die Welt, drinnen: Konversationskurs. Auf zwölf roten Stühlen nehmen Menschen unterschiedlichen Alters aus diversen Ländern Platz: Geschäftsleute, Studierende, politische Geflüchtete. Institutionelle und soziale Hierarchien werden in diesem Raum außer Kraft gesetzt. Alle verbindet dasselbe Bedürfnis: sich verständlich zu machen, um mit der Außenwelt in Kontakt treten zu können. Formal stringent, aber nie  dogmatisch, mit Gespür für Rhythmus und großem Geschick in der Montage gelingt es Bernhard Braunstein in seinem Film ATELIER DE CONVERSATION, die Dynamik dieses außergewöhnlichen und kostbaren Ortes in den Kinoraum zu  übertragen.
Ein Film über die Suche nach dem richtigen Wort, die so schnell zur emotionalen und politischen Gratwanderung gerät – aber auch ein Film über die Kraft des Zuhörens und des Gehörtwerdens.

Kurzfilmpreis der Gruppe 3

Der von der Gruppe 3 gestiftete Sachpreis in Form eines ausgesuchten Tonequipments wurde an Volko Kamensky und seinen Film ORAL HISTORY verliehen.

Begründung der Jury:

Ein Paukenschlag. Irritierend langsam gleitet die Kamera an einem Zaun entlang. Dahinter: idyllische Häuser zwischen lichtdurchfluteten Bäumen, verlassen, wie in einem Dornröschenschlaf. Fortwährend suchen wir nach menschlichen Spuren, vergeblich, niemand ist zu sehen – und doch scheinen sie belebt, wirken wie Gehäuse, deren Innenleben wir nur erahnen, aber nicht entschlüsseln können.
Die sorgfältig komponierte Bild- und Klanglandschaft von ORAL HISTORY schafft eine Kulisse, vor der sich die Worte des Films entfalten können, gesprochen von schmeichelnden Frauenstimmen. Ihre Beschreibungen wiederum verändern, was wir in den Bildern lesen. Dieses Wechselspiel setzt sich fort, bis wir – die Betrachter – schließlich erkennen, dass wir selber zu den Protagonisten des Filmes geworden sind und die Szenerie mit unseren Interpretationen, Spekulationen und Projektionen bevölkern. Und mit seiner unerwarteten wie charmanten Schlusswendung führt uns der Film nicht etwa hinters Licht, sondern: hinter den Spiegel, den er uns vorgehalten hat.
„Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, sondern wie wir sind“ heißt es im Talmud. ORAL HISTORY ermöglicht uns auf elegante, kluge und subversive Weise, diese gleichermaßen irritierende und unterhaltsame Erfahrung zu machen.

Bürgerpreis

Der mit 500 Euro dotierte Bürgerpreis wurde von der Schülerjury betehend aus Markus Artl, Lena Winzenburg und Jakob Zweckstetter verliehen. Er ging an DU WARST MEIN LEBEN von Rosa Hannah Ziegler.

Begründung der Jury:

In dem Film wird der Konflikt zwischen zwei Menschen gezeigt, die ihre schwierige Vergangenheit gemeinsam aufzuarbeiten versuchen.
Mittels klarer Bilder, einer einprägsamen Farbkomposition und langer, ungeschnittener Kameraeinstellungen wird man als Zuschauender so in die Situation hineingezogen, dass man sich nahezu als Teil einer verbalen Auseinandersetzung voller tiefgründiger Ehrlichkeit fühlt. Dabei muss man manchmal auch Stille aushalten. Die Tragweite des Konflikts, der bis in die Kindheit zurückreicht, wird einem von Satz zu Satz klarer. Im Kopf des Zuschauenden wird ein Echo erzeugt, das lange nachhallt und im Inneren tief berührt.

 

Jury 2021

Astrid Beyer

kuratiert seit 10 Jahren den Branchentreff DOKVILLE vom Haus des Dokumentarfilms (HDF) in Stuttgart. Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Amerikanistik in Tübingen und den USA arbeitete sie als freiberufliche Journalistin für TV und Industrie sowie als Ausstellungsgestalterin mit Schwerpunkt Medieninstallationen. Mitaufbau beim Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Über mehrere Jahre Langinterviews mit Zeitzeugen für diverse Museen. Seit 2017 in der Vorauswahl-Jury für den Deutschen Dokumentarfilmpreis.

Vadim Jendreyko

lebt in der Schweiz und realisiert seit 1985 als Regisseur, Autor und Produzent Filme. 2002 gründete er mit Hercli Bundi die Produktionsgesellschaft Mira Film. Seine Dokumentarfilme finden ein internationales Publikum und erhielten zahlreiche Auszeichnungen, darunter zwei Mal den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm und Nominierungen für den Europäischen und Deutschen Filmpreis. Er unterrichtet projektgebunden an Filmschulen wie der HEAD in Genf und übernimmt Mandate als Coach und Tutor.

Ulrike Tortora

Nach ihrem Studium der Theaterwissenschaften lernte sie zwei Jahre lang als Schnittassistentin von Alexander Kluge das Handwerk. Seit 1988 arbeitet sie als freiberufliche Editorin, sowohl für Spiel- als auch für Dokumentarfilme. Seit 1995 ist sie darüber hinaus auch als Dozentin für Schnitt und Dramaturgie tätig. 2018 ehrte die HFF München ihr Engagement in der Lehre mit einer Honorarprofessur.

 

 

Bürgerpreis 2021

Neben den beiden Hauptpreisen wurde auch in diesem Jahr ein Film mit dem von Aiblinger Bürgern gestifteten Bürgerpreis in Höhe von 500 Euro ausgezeichnet. Diesen wählte eine Schülerjury des Gymnasiums Bad Aibling aus.

Der Schülerjury gehörten in diesem Jahr an: Markus Artl, Lena Winzenburg und Jakob Zweckstetter.

 

 

Junge Doks 2021

Workshop dokumentarischer Kurzfilm

Nach der filmischen Fingerübung „Nonfiktionale – echt wahr?!“, die 2019 bei der Nonfiktionale zu sehen war, haben sich die Schülerinnen und Schüler des P-Seminars Dokumentarfilm am Gymnasium Bruckmühl eines Themas angenommen, welches die Menschen weit über Bad Aibling hinaus erschüttert hat. Der Kurzfilm “Kilometer 30,29“ beschäftigt sich mit dem tragischen Zugunglück von 2016. Das vom Filmemacher und Nonfiktionale-Gründer Boris Tomschiczek begleitete Filmprojekt war im Rahmen der Preisverleihung zu sehen.

 

 

Kinderprogramm

Pandemiebedingt wurde das Kinderprogramm 2021 online angeboten. Zwei moderierte Kurzfilmpakete standen über unsere Webseite zum Anschauen bereit. Neben den Filmen enthielten sie aufgezeichnete Einführungen und Gespräche, die Kinder des Nonfiktionale-Teams mit den Filmemachern geführt hatten.